Heute melde ich mich mal etwas offtopic, weil ich mich sonst nicht beruhigen kann: Sepp Wall-Strasser, Gewerkschafter und ATTAC-Funktionär, versucht im heutigen Standard zu beweisen, dass Deutschland durch sein Beharren auf einer seriösen Verschuldungspolitik die südlichen Staaten ruiniert hat. Nun denn, dieser Versuch ist gründlich gescheitert.
Selten konnte man einen als Fachbeitrag verkleideten Artikel lesen, der die Fundamente der Ökonomie noch mehr ignoriert als dieser. Wall-Strasser präsentiert in fröhlicher Naivität die simple Lösung, dass Deutschland in den nächsten zehn Jahren einfach seine Löhne überproportional erhöhen und seinen Sozialstaat kräftig ausbauen muss, dann löse sich die ganze Wirtschaftskrise in Wohlgefallen auf.
Geht’s noch? Deutschland hat es durch Verzicht und Sparsamkeit geschafft, eine weltweit geachtete Stellung als ernstzunehmender Wirtschaftspartner zu erreichen. Es exportiert seine Qualitätsprodukte in alle Welt und importiert mit den daraus erzielten Einkünften zu einem Großteil Waren und Leistungen aus den anderen europäischen Ländern, die dadurch indirekt von der Wirtschaftskraft des großen Partners profitieren. Und dann soll dieser seinen Vorteil bewusst aufgeben, nur um gegenüber anderen europäischen Nationen nicht mehr als Klassenprimus dazustehen? Man möge sich folgende imperativen Assoziationen auf der Zunge zergehen lassen:
- Lerne nicht so viel, damit sich deine Mitschüler nicht dumm vorkommen!
- Arbeite nicht so viel, damit sich deine Kollegen nicht faul vorkommen! (Das soll Gerüchten nach tatsächlich gelegentlich vorkommen)
- Hör auf zu sparen, damit du nicht am Ende zu den Besitzenden gehörst!
- Hör auf, Geld auszugeben, damit deine Nachbarn nicht neidisch werden!
- Na los, hicks, ddrink gefälligsch noch ein Gläschen, ich mag cheine Nüchternen ummich ham!
Das Problem ist doch nicht, dass Deutschland zu effizient ist, sondern dass andere Staaten zu ineffizient sind und sich durch billige Kredite bis über beide Ohren leichtsinnig verschuldet haben. Dabei haben sie nicht, was durchaus sinnvoll gewesen wäre, Investitionen in nachhaltige Effizienzsteigerungsmaßnahmen, wichtige Infrastruktur oder Bildung getätigt, sondern den täglichen Luxus eines gemütlichen Lebens UNTER VORGRIFF AUF KOMMENDE GENERATIONEN finanziert.
Jedes Milchmädchen weiß, dass man auf die Dauer nicht mehr Geld ausgeben kann als man einnimmt, und jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester weiß, dass nur fristenkongruente Finanzierung eine Organisation nachhaltig sichert. Kredit für den Jahresurlaub aufzunehmen, ist der erste Schritt auf dem Weg in die individuelle Hölle. Und den täglichen Konsum eines überbordenden Sozialstaats mit Staatsanleihen zu finanzieren, weil weder das Generationenmodell (Pensionen) noch das Umlagemodell (Gesundheitswesen, Mindestsicherung) mehr ausreichen, den liebgewonnenen und immer kurz vor den nächsten Wahlen weiter hochgerüsteten Sozialstaat einigermaßen zu finanzieren, ist der Weg in die kollektive. Die meisten westlichen Gesellschaften haben demokratisch legitimiert laufend über ihre Verhältnisse gelebt. Aber irgendwann kommt immer das böse Erwachen, der Kater nach der Party.
Umlagesystem oder Generationenvertrag? Außer diesen beiden Optionen ist im staatlichen Gestaltungsportfolio leider nichts zu haben. Das Anwerfen der Geldpresse und die Aufnahme von Schulden sind übrigens die beiden erstgenannten durch die Hintertür.
Wie zynisch muss man gerade als Gewerkschafter sein, den nächsten Generationen einen in Geiselhaft der Kapitalgeber stehenden, bis zur Nasenspitze verschuldeten und damit weitgehend gestaltungsunfähigen Staat zu hinterlassen, nur um den Kollegen der heutigen Generation den Spaß nicht zu verderben?
Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Es geht keineswegs darum, die Benachteiligten Bevölkerungsschichten ihrem Schicksal zu überlassen. Das wäre genauso zynisch. Ein menschenwürdiger Staat muss es sich leisten können, ALLEN Menschen unabhängig von ihrem Beitrag zum BIP ein würdiges Leben zu ermöglichen. Aber wieso schickt man z.B. Menschen heutzutage mit 60 in Pension, die zu einem großen Teil durch staatliche Kreditaufnahmen finanziert werden muss, wenn sie noch fit genug sind, wertvolle Arbeitsbeiträge zum kollektiven Wohlstand zu leisten? So verschenkt man wertvolle Ressourcen und schwächt massiv die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Der Wohlstand für alle ist dann am höchsten, wenn auch alle, die dazu in der Lage sind, aktiv daran mitarbeiten UND wenn dies zur Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Effizienz dient.
Der letzte Punkt ist wichtig: Es ist einer Volkswirtschaft nicht geholfen, wenn sie – nur um Vollbeschäftigung auszuweisen – einen Hügel um ein paar Meter versetzen lässt, um ihn dann wieder zurückzuschaufeln. So haben zwar alle was zu tun, es dient aber niemandem – es wird dadurch objektiv nichts besser. Weniger offensichtlich ist das bei überdimensionierter und gleichzeitig ineffizienter staatlicher Bürokratie. Verwaltung ist wichtig, aber nur, solange sie die gesamtgesellschaftliche Effizienz erhöht. Das negative Paradebeispiel dafür ist derzeit natürlich Griechenland, aber auch Österreich ist da nicht ganz ungefährdet.
Damit sind wir beim Punkt: Die fundamentale Triebfeder der Wirtschaft heißt Effizienz!!!
Wirtschaftswachstum resultiert einzig aus Verbesserungen von Produkten und Leistungen, Rationalisierungen von Organisationen, kleinen und großen Innovationen, Optimierungen von Verfahren und Prozessen – kurz: aus der Evolution der Arbeit.
Gleichsam den Entwicklungen in der Natur, jedoch im Gegensatz zu deren Trial-and-Error-Strategie durch menschliche Vernunft weitgehend zielgerichtet, unterliegt die Wirtschaft einem stetigen Fluss hin zu höherer Effizienz. Die Triebfeder hier wie dort ist die von Gutmenschen gern gescholtene Konkurrenz. Politically correct muss man dazu ja ohnehin Wettbewerb sagen. Jedes Individuum, jedes Unternehmen bemüht sich systemimmanent, im Kampf um Survival zu den „Fittest“ zu gehören.
Im weltweiten Wirtschaftsspiel setzen sich immer jene durch, denen es gelingt, eine Leistung besser, schneller, fehlerfreier, individueller, passender, einfacher, schöner, wertvoller und summa summarum kostengünstiger zu erbringen als die anderen.
Dabei werden selbstverständlich immer wieder Arbeitskräfte überflüssig und „wegrationalisiert“. Das klingt auch zynisch, ist es aber nicht. Noch einmal: Der Wohlstand für alle ist dann am höchsten, wenn alle, die dazu in der Lage sind, aktiv daran mitarbeiten UND wenn dies optimal zur Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Effizienz dient. Wirtschaftswachstum bedeutet natürlich nicht einfach die Rationalisierung bestehender Leistungen, bis irgendwann niemand mehr zu ihrer Erstellung gebraucht wird, sondern es führt zu einer ständigen Ausdifferenzierung neuer Produkte, Leistungen und Branchen, eben weil Arbeitsressourcen durch Rationalisierung für andere (neue) Aufgaben frei werden, deren Luxus sich die betreffende Gesellschaft bis dahin einfach nicht leisten konnte.
Die enorme Vielfalt an Konsummöglichkeiten, die heute unseren Wohlstand definieren, hat es früher nicht gegeben. Am Anfang gab es nur ein paar Jäger, später auch Bauern, dann Viehzüchter, Bergleute, Werkzeugmacher, Sattler, Schneider, Lehrer, Alchimisten und so weiter bis hin zu den heutigen Quantenphysikern, Elektronikingenieuren und Designern. Die gesamte Geschichte der Menschheit ist durch eine wahre Explosion an Leistungsvielfalt durch konkurrenzgetriebene Innovationen und Effizienzsteigerungen geprägt. Dabei sind viele Branchen als überholt wieder verschwunden, aber es sind stets viel mehr neue dazugekommen.
Ein guter Staat sollte es sich daher im Sinne seiner Bürger zur mit Abstand wichtigsten Kernaufgabe machen, diese Ausdifferenzierung der menschlichen Arbeit zu beobachten, zu begleiten und aktiv zu fördern. Dies gilt übrigens – und damit bin ich doch noch bei meinem Kernthema – auch für die Gemeinden, die auf diese Weise regionale Vollbeschäftigung zumindest unterstützen können. Strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht neben Ineffizienzen innerhalb von Volkswirtschaften vor allem dadurch, dass kleine und große Zäsuren in der (lokalen, regionalen und globalen) Wirtschaftsentwicklung nicht vorausgesehen werden und darauf erst mühsam und zeitaufwändig durch Restrukturierungen und die Schaffung neue Arbeitsfelder reagiert werden muss. Die Auseinandersetzung mit Basisinnovationen im Sinne von Nikolai Kondratieff und die Erforschung von Markttrends sollten zum wichtigsten Handwerkszeug staatlicher Wirtschaftspolitik gehören.
Tatsächlich gilt fast immer das Hauptaugenmerk staatlicher Förderung den alten, saturierten Branchen gegen Ende ihres Lebenszyklus, weil dort eben AKTUELL die meisten Menschen (=Wähler) arbeiten. Viel sinnvoller wäre die aktive Förderung junger, aufstrebender Branchen mit Marktpotenzial, wie heute z.B. Cloud-Computing oder die Entwicklung leistungsfähiger, in die Arbeitswelt integrierter Smartphone-Apps, um über KÜNFTIGE Jahrzehnte Wettbewerbsvorteile zu erschließen und Arbeitsplätze zu säen. Auf diesen innovativen Feldern arbeiten aber am Anfang nur sehr wenige Menschen, was den wahlzyklusorientierten Fokus der Politik in der Praxis selten rechtfertigt.
Zurück zum Thema. Leider, oder besser gesagt: Gott sei Dank, gelten diese fundamentalen ökologischen wie ökonomischen Spielregeln nicht nur hier im heimeligen Europa sondern im gesamten globalen Ökotop. Wenn sich Deutschland also zurücknimmt, um den Leistungsfähigkeitsabstand zu den weniger effizienten europäischen Staaten zu verringern, verliert es damit automatisch an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber allen anderen Weltregionen und damit an Wohlstand. Letzteres wiederum führt im Gegensatz zur erhobenen Forderung nicht zum Ausbau sondern zu einem erzwungenen Rückbau des liebgewonnenen Sozialstaats oder alternativ zur Staatspleite.
Schon klar: Dieses Leistungsfähigkeits-Ungleichgewicht ist die Ursache für die aktuelle Währungszerreißprobe und voll der mangelnden Umsicht der damaligen €uro-Schöpfer gedankt. Aber eine Verschlechterung der deutschen Wirtschaftskraft, die ja im globalen Konzert unfreiwillig die Lokomotive Europas spielen muss, löst (vielleicht) das kleine Problem zu Lasten eines viel größeren – das Versinken Europas in weltwirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit, mit allen damit verbundenen Auswirkungen wie Verarmung, massiv steigende Arbeitslosigkeit und sozialer Unfrieden.
Der Weg darf daher nicht sein, Deutschlands Effizienz an den gemütlicheren Teil Europas anzupassen, sondern das Gegenteil. Die überschuldeten Staaten mit zu großzügigen Sozialniveaus müssen sich wohl oder übel am ungeliebten Deutschland ein Beispiel nehmen und ihre Effizienzstrategien endlich in Angriff nehmen.
Aber vielleicht gehört Wall-Strasser ja zu den Kreationisten und nicht zu den Befürwortern Darwins. Dann habe ich natürlich Verständnis, wenn er obige Ausführungen nicht nachvollziehen kann.
Arno Abler, MBA CMC
CommunalConsult Network